Die Türkei ist ein mehrheitlich muslimisches Land mit einem säkularen Rechtssystem, und diese Verbindung prägt alles rund um die Ehe. Die meisten Türken verstehen sich als Muslime, die Familie steht im Mittelpunkt des sozialen Lebens, und doch erkennt der Staat allein die standesamtliche Ehe an. Ob Sie türkische Staatsangehörige sind, zur Diaspora in Europa gehören oder als ausländischer Muslim in der Türkei heiraten möchten: Es hilft, sowohl die Traditionen als auch die Formalitäten zu kennen.
Dieser Ratgeber gibt einen Überblick darüber, wie ernsthafte Vorstellungen meist zustande kommen, welche Bräuche Familien erwarten und wie Sie rechtssicher und geschützt heiraten.
Eine vielfältige muslimische Gesellschaft
Die meisten türkischen Muslime sind Sunniten und folgen überwiegend der hanafitischen Rechtsschule; unter Kurden im Osten und Südosten sind schafiitische Gemeinden verbreitet. Hinzu kommt eine bedeutende alevitische Bevölkerung mit eigenen Traditionen. Türkisch ist die Hauptsprache, in manchen Regionen werden auch Kurdisch, Arabisch und Zaza gesprochen. Großstädte wie Istanbul und Ankara fühlen sich ganz anders an als kleine anatolische Städte, in denen die Familiennetze enger und die Erwartungen konservativer sind.
Die Türkei ist zudem Heimat vieler Syrer und anderer Geflüchteter sowie ausländischer Studierender und Expats geworden, was zu mehr interkulturellen Verbindungen führt als früher.
Wie man sich kennenlernt
Arrangierte Vorstellungen, bekannt als „görücü usulü“, bei denen Familien eine Verbindung vorschlagen und prüfen, gibt es vor allem außerhalb der Großstädte noch. In den Städten lernen sich die meisten Paare über Universität, Arbeit, Freunde oder Verwandte kennen, und die Familien kommen hinzu, sobald es ernst wird. Religiöse Paare bevorzugen oft vertrauenswürdige Vermittler, Gesprächskreise oder Gemeindevereine, und manche nutzen Heirats-Apps. Gleich welcher Weg: Erwartet wird eine klare Heiratsabsicht, bevor man viel Zeit miteinander verbringt.
Fragen, die man früh stellen sollte
Weil die türkische Gesellschaft eine große Bandbreite religiöser Praxis umfasst, lohnt es sich, direkt nach Gebet, Kopftuch, Alkohol, Wohnort, Berufsplänen und der Nähe zu den Schwiegereltern zu fragen. In manchen Familien ist es noch üblich, nahe bei oder mit den Eltern des Ehemanns zu wohnen.
Bräuche vom Antrag bis zur Hochzeit
Türkische Hochzeitstraditionen unterscheiden sich je nach Region, doch einige Schritte sind weithin bekannt:
- Kız isteme: Die Familie des Mannes besucht die Familie der Frau, um formell um ihre Hand anzuhalten. Die künftige Braut serviert traditionell türkischen Kaffee, in die Tasse des Bräutigams kommt manchmal zum Spaß eine Prise Salz.
- Söz: eine kleine Versprechenszeremonie, bei der mit einem Band verbundene Ringe getauscht werden.
- Nişan: die Verlobung, oft mit einem größeren Familienfest.
- Kına gecesi: der Hennaabend, meist für die Braut und die Frauen der Familie.
- Düğün: die Hochzeitsfeier, bei der Gäste dem Paar häufig Gold oder Geldscheine anstecken.
Erwartungen an Goldschmuck, Möbel und die Frage, wer was bezahlt, können zu Spannungen führen, daher besprechen Familien dies meist früh und offen.
Standesamtliche Ehe und imam nikahı
In der Türkei ist allein die standesamtliche Ehe (resmi nikah) rechtsgültig; sie wird in der Regel von einem befugten Standesbeamten der Stadtverwaltung geschlossen. Seit einigen Jahren können auch die Muftiämter der Provinzen und Bezirke standesamtliche Trauungen vornehmen. Die religiöse Zeremonie (imam nikahı) ist für viele Paare Brauch, hat für sich allein aber keine Rechtswirkung. Üblicherweise findet sie zusammen mit oder nach der standesamtlichen Trauung statt.
Paare beantragen die Eheschließung im Allgemeinen beim Standesamt mit Ausweis, Fotos und einem Gesundheitszeugnis. Ausländische Staatsangehörige benötigen meist ein Ehefähigkeitszeugnis ihres Heimatlandes, eine Geburtsurkunde, einen Reisepass und Übersetzungen, oft mit Apostille oder konsularischer Legalisation. Deutsche Staatsangehörige erhalten das Ehefähigkeitszeugnis bei ihrem Standesamt in Deutschland. Die Anforderungen können sich ändern und von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden; klären Sie sie daher mit dem Standesamt und Ihrer Botschaft. Dies sind allgemeine Informationen, keine Rechtsberatung.
Eine rein religiöse Ehe lässt einen Ehepartner ohne rechtlichen Schutz bei Erbschaft, Unterhalt und der Registrierung von Kindern. Viele Gelehrte und Imame in der Türkei betonen, dass Paare die standesamtliche Ehe schließen sollten.
Heiraten aus dem Ausland
Viele junge Menschen der türkischen Diaspora, besonders in Deutschland, den Niederlanden und Österreich, lernen ihren Ehepartner während der Sommerbesuche kennen. Das kann gut gelingen, wirft aber Fragen auf: In welchem Land werden Sie leben, welche Visaregeln gelten, wie steht es um die Sprache? Unsere Seiten zur muslimischen Heirat in Deutschland und zu Fernbeziehungen vor der Ehe gehen auf diese Fragen ein.
Sicherheits-Checkliste
Die Türkei ist ein beliebtes Ziel für ausländische Muslime auf Partnersuche, was auch Menschen mit unredlichen Absichten anzieht. Seien Sie vorsichtig bei jemandem, der auf eine schnelle, rein religiöse Ehe drängt, um Geld bittet oder es vermeidet, Sie seiner Familie vorzustellen.
- Treffen Sie sich an öffentlichen Orten und informieren Sie eine Vertrauensperson.
- Bestehen Sie darauf, die Familie kennenzulernen und, wenn möglich, den Heimatort zu besuchen.
- Prüfen Sie den Familienstand. Eine standesamtliche Ehe setzt amtliche Dokumente voraus, was dabei hilft.
- Schicken Sie vor der offiziellen Eheschließung niemals Geld oder Gold.
- Vereinbaren Sie Mahr, Gold und Wohnverhältnisse im Voraus.
- Holen Sie religiösen Rat bei einem qualifizierten Gelehrten ein, nicht in sozialen Medien.
